Warum wir das Träumen wieder lernen müssen. Als Menschen, als Unternehmen, als Gesellschaft.

Blütenträume

Vor gut 25 Jahren wurde ein großer Traum geträumt: Die Demokratisierung, die Deliberation der Medien führt zu einer verbundenen, gebildeten Weltgemeinschaft. Wir nannten diese neuen Medien, Social Media.

GeoCities, Classmates und SixDegrees hatten seit Mitte der 90er die Grundlagen gelegt, FOAF, Friendster, LinkedIn, MySpace und Flickr folgten Anfang der 2000er. Zwischendrin kamen Wikis und Blogs hinzu.

Der Traum ging um die Entmachtung der Gatekeeper: Jede:r kann publizieren, sich vernetzen, Gegenöffentlichkeit schaffen; Journalismus wird teilweise “mass amateurized” – es entsteht ein globaler Diskursraum und wir überwinden das Zeitalter der Meinungsmache.

Nicht aus nostalgischen Gründen sprechen wir heute nochmal über die Social Media Geschichte. Vielmehr können wir etwas aus ihr lernen um uns für die gerade startende AI+Robotic Disruption zu wappnen und dabei den Spaß nicht zu verlieren.

Wir träumten von einer besseren Öffentlichkeit durch Deliberation: Mehr Perspektiven, einfachere Zugänge, mehr Korrektur durch die Crowd; Konflikte werden eher ausdiskutiert als eskaliert. Eine positive Feedbackschleife.

Das Potenzial lag auf der Hand, die Qualität von Medien zu steigern. Mutigere Formate, mehr Fakten, mehr Tiefe, höhere Genauigkeit, weniger Filter.

Und teilweise ist ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Die Macht des Publizisten ist gebrochen, Reichweite kann jeder haben, der sie haben möchte: Niedrige Eintrittsbarrieren, globale Communities, Nischenöffentlichkeiten für wichtige, aber kommerziell uninteressante Themenbereiche sind durchaus entstanden. Wikipedia sei als leuchtendes Beispiel genannt. Perfekt? Nein. Aber besser als alle vorhergehenden allgemeinen Lexika.

Und von Numberphile, Veritasium, Up and Atom, VSauce, über Creator wie Dr. Becky, Lex Fridman, Anastasi In Tech, Anton Petrov, Brian Tyler Cohen, … bis hin zu Clint‘s Repiles sind wunderbare und extrem erfolgreiche Formate entstanden, die die institutionellen Medien für unmöglich erklärt hatten – und erstaunlicherweise oftmals heute noch für unmöglich halten.

„Niemand guckt sich 3 Stunden eines Fachgespräches an, die Menschen mögen kurze, einfache Formate, wir müssen erklären und vereinfachen“ – so haben mir vor 25 Jahren verschiedene bedeutende Chefredakteure aus Print und TV die Welt erklärt. „Dieses Internet“ fand man „schon interessant“, aber die “Welt wird es nun auch nicht direkt verändern”. Da muss man schon auf dem Boden der Tatsachen bleiben.

Nun, die oberschlauen Chefredakteure lagen 3x falsch:

  • Diese anstrengenden Formate sind sehr wohl perfekt Primetime tauglich, mit vielen, vielen Millionen Views und Milliarden Profits,
  • ebendiese Chefredakteure waren und sind auch nicht die Besten im „kurz und einfach“. Auch hier hat Social Media mit Shorts/Reels usw. gewonnen, und
  • dieses Internet hat ganz offensichtlich sein Versprechen eingehalten und ist zu einem unverzichtbaren Teil von Gesellschaft und Wirtschaft geworden.

Also ist der Traum erfolgreich Realität geworden?

Nun, die Deliberation als Default blieb aus. Ja, es gibt z.B. auf YouTube unfassbar gute Formate (siehe oben) mit sehr hoher Reichweite und angeschlossenen Discord-Communities. Doch die gebildete Weltöffentlichkeit, die eine globale Gemeinschaft wird, lässt weiterhin auf sich warten.

Dieser Traum von einer besseren, aufgeklärteren, verbundeneren Welt ist geplatzt.

Eines der Hauptprobleme: Wahrheit, bzw. Faktengenauigkeit, setzt sich nicht automatisch durch: Falschnachrichten diffundieren oftmals schneller/weiter als wahre Nachrichten, Filterbubbles umgeben jeden von uns. Unsere Bildungssysteme haben die notwendige Medienkompetenz nicht etablieren können. Unsere Politik ist noch von Ritualen vergangener Jahrhunderte durchzogen.

Ja, Gatekeeper wurden ersetzt, aber nicht abgeschafft: Redaktionelle Selektion wurde oft durch plattformgetriebene Ranking-Logiken ersetzt. Manchmal zum Guten, manchmal aber auch nicht. Ganz oft optimiert „der Algorithmus“ zum Mittelmaß, Regression to the mean, sagt man in der Statistik.

Ein neuer Traum

Heute wird wieder ein Blütentraum geträumt – nur dass er nicht mehr ums Publizieren geht, sondern um das Produzieren.

Die Befreiung von der Werksarbeit und hin zur Würdearbeit.

Hintergrund: Wenn nun AI auf Robotic trifft, ist das eine neue Industrielle Revolution und eine neue Renaissance – gleichzeitig und innerhalb von 10 Jahren. Wieder kann man Angst haben, oder die Geschichte kleinreden. Wieder kann man phantasielos auf Business-Cases blicken und KPIs optimieren, ohne zu merken, dass man genau deswegen den Abschluß verpasst.

Also, zurück zu unserem Learning: Wenn Social Media die Distributionsmacht entkoppelt hat, dann entkoppeln AI-/Robot-Systeme die Produktionsmacht (für jede Art von Produkt oder Service). AI + Robotics versprechen eine neue Demokratisierung, der Deliberation: Auf der einen Seite kann jeder zur „Ein-Personen-Fabrik“ werden, zur Mini-Organisation, die tangible Goods oder Beratungsleistungen produziert. Auf der anderen Seite können Dark Factories und AIs alle möglichen Leistungserbringungen zentral automatisieren: Jeder kann (fast) jede Leistung erbringen; und gleichzeitig können (fast) alle Leistungen vom Faktor Mensch unabhängig gemacht werden.

Ein Paradoxon, dass die weder die aktuelle Bildungs-, Gesellschafts- noch Wirtschaftslogik auflösen kann. Und dieses Paradoxon ist keine ferne Science-Fiction, sondern ein absolut plausibles Szenario für die nächsten 5 bis 15 Jahre.

Seitenbemerkung 1: Die aktuellen Social-Media-Verbotsdebatten unserer Politik sind im Kontext völlig irrelevante Zeitverschwender, die uns nur davon abhalten, unsere Bildungssysteme vom 19. ins 21. Jhd. zu transformieren.

Seitenbermerkung 2: Ja, AI könnte eine Investitionsbubble sein. Details dazu hier.

Warum also Träumen?

Weil Träume die einzige „Technologie“ sind, die Macht vor der Implementierung organisiert.

Ohne Traum bleibt nur Reaktion: Unternehmen optimieren, Staaten regulieren, Individuen passen sich an.

Mit dem Traum entsteht Richtung:
Welche Welt wollen wir, wenn Produktion fast gratis wird und Arbeit optional sein könnte? Träumen ist kein Eskapismus, sondern die Vorentscheidung über Eigentum, Zugang, Bildung, Würde und Souveränität – bevor diese Fragen von Plattformen, Kapitalmärkten und EU-Standards beantwortet werden. Wie wäre es nur, wenn unsere Politik sich trauen würde, diesem Traum den Boden zu bereiten?

Der attraktive Traum ist nicht „Roboter arbeiten, wir chillen“. Sondern: Produktivität und Effektivität werden so hoch, dass Gesellschaften es sich leisten könn(t)en, Menschen aus Zwang zu befreien – und ihnen echte Wahl zu geben.

Eine Chance für Unternehmen:
Unternehmen haben in 2026 eine exorbitant große Chance, ganz konkret neues und/oder besseres Business zu machen und gleichzeitig die Weichen für die sich verändernden Realitäten zu stellen.

Aus der Social Media Geschichte können wir lernen, dass attraktive Träume von Anfang an von einer progressiven Bildungs-, Innovations- und Kompetenzpolitik begleitet werden müssen: Natürlich in Schulen und Universitäten, aber genauso auch in jedem einzelnen Unternehmen.

Man könnte sagen: Träumen ist der wichtigste und spaßigste Teil der Szenarienarbeit.

Aus Social Media lernen

Social Media hat gezeigt: Technik entkoppelt Fähigkeiten und Aufmerksamkeit, aber nicht (automatisch) Macht. So ist ein Teil unserer Realität zu einem Albtraum aus Fake News, Filterbubbles und Doomscrolling geworden.

Wenn wir nun wieder „auf dem Boden bleiben“ und damit dem Traum verweigern geträumt zu werden, werden wir das Thema wieder nicht gewinnen können.

Gerade deswegen lohnt es sich, zu träumen: Unser Leben wird von diesem Traum nicht abgeschafft, sondern entkoppelt: von Angst, von Knappheit, von Demütigung. Das ist eine gigantische Zivilisationschance: weniger Bullshit, mehr Echtheit.

Von der Werksarbeit zur Würdearbeit

Das heutige System koppelt Identität, Status, Einkommen und Sicherheit an Erwerbsarbeit. AI macht diese Kopplung technisch irrational – und politisch explosiv. Die USA und China unternehmen einen offensichtlichen Versuch, diese Logik zu durchbrechen. Auf der Basis ihrer Wertesysteme und mit ihrer wirtschaftlichen und militärischen Macht.

Daher nochmal die Frage: Warum also träumen?

Weil der Traum die einzige Chance ist, schneller zu sein als die Default-Ökonomie. Wer jetzt nicht träumt, bekommt keine Zukunft, sondern ein neues Abo-Modell. Träumen ist jetzt die Chance, Anschluss zu erhalten oder zu gewinnen. Träumen ist jetzt die Gelegenheit, ehrlicher, authentischer und klarer zu sein. Nicht trotz, sondern gerade wegen der ganzen Unsicherheit, die unseren Planeten einhüllt.

Der Traum von der attraktiven Zukunft kann jedes einzelne Unternehmen, wie auch Europa als Ganzes aus der Lethargie, der Abo-Falle, dem inneren Doom-Scrolling befreien.

Europa ist der einzige Kultur- und Wirtschaftsraum, der momentan (noch) die Kraft hat, diesem Traum das Albtraum-Risiko zu nehmen und den attraktiven Traum wahr werden zu lassen.

Wenn wir attraktive Antworten geben auf Fragen wie:

  • Wem gehören Modelle, Daten, Chips, Roboterflotten – und wer bekommt den Gewinn?
  • Was ist „Arbeit“, wenn Maschinen den Output liefern, aber Menschen Sinn stiften und der Markt sind?
  • Wie verhindern wir die automatisierte Feudalgesellschaft?

Die Unternehmen, die diese Fragen positiv, zukunftsgewandt und stark beantworten, werden die sein, die in 2026 und darüber hinaus, treue Kunden, loyale Mitarbeiter und eine gute Rendite haben werden.

Träume und Träumer stärken

Wie bringen wir dies in die Praxis? Eines der ersten uns wichtigsten Elemente kostet eigentlich nix: Träume und Träumer stärken. Nicht jeder ist ein Träumer, nicht jeder kann den Möglichkeitsraum intuitiv erfassen. Im Gegenteil, dies ist eine seltene Gabe. Die Menschen mit dieser Gabe gilt es zu identifizieren und an neuralgischen Punkten überall in den Organisationen zu integrieren und zu aktiveren. Dazu muss das Erkunden des Möglichkeitsraumes – das Träumen – kulturell nicht nur akzeptiert sein, vielmehr muss es gewünscht und gefördert werden.

Träume und Träumer brauchen Raum sich zu entfalten und sie müssen nachhaltig ernst genommen werden. Dann wird auch automatisch wieder Business draus, weil genau dann die Macher, die Umsetzer genau den Input und die Energie bekommen, die den Unterschied ausmacht.

Key-Takeaways

  1. Echte Innovationsphasen ohne Zensur
    Jeder Wandel braucht eine sogenannte Variationsphase. Nur wenn diese wahrhaftig den Möglichkeitsraum erkundet, gibt es danach auch etwas zu bewerten und zu entscheiden. Unternehmen sollten diese Phasen proaktiv und organisationsweit etablieren.
  2. Träumer aktivieren
    Organisationen die sich schnell und sicher bewegen können wollen, müssen den Möglichkeitsraum permanten durchleuchten: Chancen nutzen, Risiken mitigieren. Jeden Tag. Dazu braucht es Menschen, die dies intuitiv tun können: Eine Situation/Technologie/Entwicklung ansehen und Ideen haben. Träumer eben.
  3. Ein schneller Turn-Around
    Für jede Kernaktivität: heutige Kosten/Zykluszeit/Qualitätsfehler vs. AI-/Automationszielbild, plus klarer Reinvest (wohin geht die freiwerdende Kapazität in Differenzierung: Service, Innovation, Sales, Qualität).
  4. Kritische Infrastruktur sichern
    Datenrechte, Modellzugang, Compute, Automations-Tools (und perspektivisch Robotik) werden zu Produktionsmitteln. Multi-Sourcing, Exit-Strategie, Vertragsklauseln (IP, Logs, Fine-Tuning, Datenverwendung) und minimaler Vendor-Lock-in sind jetzt Strategie, nicht IT-Detail.
  5. Experimentieren von Risiko entkoppeln
    Dezentral bauen, zentral absichern: Teams empoweren und One-Person-Factory-Speed etablieren (Agent-Workflows, Self-Serve Templates), aber zentralisiere Assurance: Qualitätsstandards, Security, Compliance, Audit-Trails, Red-Teaming, Freigabeprozesse für high-risk Use Cases.
  6. Kompetenz schneller als Tool-Nutzung skalieren
    Der Education-to-Execution Loop. Social-Media-Lektion: Fähigkeit diffundiert schneller als Urteilskraft. Setze verbindliche AI-Literacy (Prompting reicht bei weitem nicht), Use-Case-Playbooks, interne Benchmarks, Messung des Kompetenzzuwachses, und eine Delivery-Engine, die Piloten in Produktion bringt.
  7. Glaubwürdige Automations- und Teilhabe-Story definieren
    Sonst definiert sie der Markt. Sobald Output vom Faktor Mensch entkoppelt wird, wird Vertrauen zur Wachstumsvariable. Konkrete Maßnahmen: transparente Automationspolitik, Upskilling-Garantien, Rollen-Redesign, Beteiligungs-/Bonuslogik an Produktivitätsgewinnen, und klare Regeln, wann Menschen „im Loop“ bleiben müssen.
Prof. Tim Bruysten

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