Lektionen aus vier Jahrhunderten Übermut und ein erstes Jahresfazit 2025: Was, wenn AI zur ersten Blase wird, die gleichzeitig real ist und trotzdem platzen kann?
Platzende blasen
Investment-Blasen beginnen mit einer Story, einem Traum und sie platzen, wenn dauerhaft Narrative schneller wachsen als Cashflows. Das ist der harte Kern der Forschung von Minsky bis Kindleberger: Erst kommt das „Displacement“ (neue Technik, neue Finanzlogik), dann Kredit, Massenbeteiligung, mediale Verstärkung, schließlich Bewertungsabkopplung – und am Ende die abrupte Rückkehr zur Kasse. Tulpenwahn, Südsee-Bubble, Kanalbau-Fieber, Roaring Twenties, Japan-Assets, Dotcom, US-Housing: unterschiedliche Assets, identische Grammatik.
Ist AI eine platzende Bubble?
Nun, AI ist zwei Dinge: Eine Investment-Story und eine Technologie.
Zunächst zur Investment Story.
Diese sehen wir als ein extrem risikobehaftetes Unterfangen; evtl. too big to fail, aber vielleicht wird sie auch Auslöser der größten und globalsten Wirtschaftskriese aller Zeiten.
Zu viele hilflose „hier wir auch Projekte“, die Relevanz simulieren, aber nicht liefern. Zu wenig Substanz im Einsatz der Technologie. Man möchte dabei sein, aber nicht mitmachen. Man möchte drüber reden, aber nicht wirklich verstehen.
Diese Effekte sehen wir bei den Kritikern der Technologie „das ist doch nur eine statitische Wortvorhersage“ (was übrigens Quatsch ist), genauso wie bei den von Gier getriebenen Mitläufern.
Dabei ist das Phänomen überhaupt nicht neu, wir Menschen scheinen nur extrem vergesslich zu sein, wenn es um unsere eigene Geschichte geht…
Denn aus den oben schon erwähnten historischen Bubbles, vom Tulpenwahn über das Kanalbaufieber bis hin zur Dotcom-Bubble könnte man eigentlich so einiges lernen:
Erstens: Die Story-Maschine.
Investment-Blasen wachsen mit der Veränderung der Sprache. „Neue Ära“, „unendlich skalierbar“, „zu groß zum Scheitern“, „the sky is the limit“ – dieselben Formeln vom Tulpenwahn über die South Sea Bubble bis Dotcom. Exponentielle Metaphern ersetzen Unit Economics, Adjektive ersetzen die Due Diligence.
Medien verstärken die Gewinner-Narrative oder sind pseudokritisch. Die AI-Thematik wiederholt dies deutlich: Die technologische Komplexität und Tiefe ist zu groß, Journalismus ist in den meisten Fällen weit hinter der Entwicklung und dem notwendigen Verständnis hinterher, die Fehlschlüsse häufen sich.
Erfolge werden so memetisch, Skepsis wird zur Retro-Haltung. Kritik verfehlt den eigentlichem Punkt.
Ergebnis: Bewertungsabkopplung – die Erzählung rennt, der Cashflow hinkt.
Zweitens: Die soziale Grammatik.
Die Spekulation demokratisiert sich, sie diffundiert durch Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – Kaffeehaus, Zeitung, TV, App. Zugehörigkeit – zu welcher der sich bildenden Seiten auch immer – schlägt Urteil:
Wer nicht mitmacht, „versteht die Zukunft nicht“. FOMO erzeugt Herdenverhalten oder überzogene Antihelden, Leverage normalisiert Risiko, Influencer und „Experten“ verleihen Schein-Legitimität: Im Pro und im Kontra.
Je breiter die Teilnahme, desto dünner die Prüfung; Status- und Erlösungsversprechen ersetzen Risiko-Preis-Logik.
Drittens: Die Frühwarn-Semantik.
Doch die Sprache kippt irgendwann, meistens bevor die Kurse kippen: Superlative ohne Metrik, KPI-Drift (User statt Marge, Piloten statt ROI) – es entsteht eine Ankündigungs-Inflation dominiert und zirkuläre Finanzierung tarnt Fragilität: Siehe gerade jetzt die Stunts zwischen OpenAI, NVidia, Oracle, Meta, Google usw.
Hier endet die Story und der Kassenstand muss vorgezeigt werden. Die Blase könnte platzen.
Key-Takeaways
- Investment-Bubbles folgen einer stabilen Grammatik
Neues „Displacement“, Kredit, Massenbeteiligung, mediale Verstärkung, Bewertungsabkopplung, dann die harte Rückkehr zum Cashflow. - AI ist zweigeteilt
Als Investment-Story hochriskant und anfällig für Mitläuferlogik. Als Technologie real, messbar und mit massiven Hebeln in Wissenschaft, Energie, Gesundheit und Materialien. - Die Story-Maschine verzerrt Urteile
Exponentielle Metaphern ersetzen Unit Economics, Medien verstärken Sieger-Narrative, Zugehörigkeit schlägt Prüfung, FOMO normalisiert Risiko. - Frühwarn-Semantik ist der Tipping-Point
Superlative ohne Metrik, KPI-Drift, Piloten statt ROI und zirkuläre Finanzierung signalisieren, dass die Erzählung der Kasse davonläuft. - Das Missverständnis ist gefährlicher als das Platzen
Wer einen Investment-Crash mit technologischem Scheitern verwechselt, verliert im globalen Prisoner’s-Dilemma; die technologische Kurve läuft weiter, der Wettbewerbsabstand wächst—also nüchtern unterscheiden, konsequent nutzen, Zukunftsbilder aktiv bauen.
Und doch.
Hier ändert sich die Geschichte und die Interpretation. Ist diese Bubble vielleicht anders als vorhergehende? Die Investment-Seite der Bubble vielleicht nicht. Aber die Technologie ist es.
Im Gegensatz zum Tulpenwahn oder Kanalbaufieber ist die Technologie-Seite von AI nicht eine blinde Wette oder ein schnell endliche Ressource.
AI liefert messbare Ergebnisse, sie ist kein Marketing-Gag, sondern Beschleuniger wissenschaftlicher Entdeckungen.
Beispiel AlphaFold hat Strukturprognosen von Proteinen radikal vereinfacht – das öffnet Pfade zu Enzymen für CO₂-Fixierung, Plastik-Abbau, grüne Chemie.
Und hier wird ein Teil des ganzen Schlamassels deutlich: „Radikal vereinfacht“ ist gar kein Ausdruck. Unsere Superlative reichen überhaupt nicht aus, um die Radikalität dieser Entwicklung auszudrücken. Das deutet einmal darauf hin, dass wir abgestumpft sind und ebendiese Superlative an anderer Stelle sinnvoll verbraucht haben.
Auf der anderen Seite wurde für die Größenordnung dieser Entwicklungen vielleicht auch noch gar kein Superlativ geschaffen.
Klingt abstrakt, liefert aber hochkonkrete Ergebnisse: Denn KIs wie AlphaFold bringen gigantische positive Hebel in Bewegung: Ob in Richtung Moderation des Klimawandels, die Lösung unserer Energieprobleme, die gesunde Ernährung der Weltbevölkerung, der Kampf gegen Krebs, die Materialsuche für neue Batterien und Katalysatoren, Smart-Grid-Optimierung oder Wetter-Nowcasting…
KI ist eben keine leere Wette: 2025 erzielten erstmals mehrere KI-Systeme goldmedaillenwürdige Punktzahlen bei der Internationalen Mathematik-Olympiade: Googles Gemini Deep Think und OpenAIs experimentelles Modell lösten jeweils fünf von sechs Aufgaben unter IMO-Bedingungen und erreichten damit das Leistungsniveau der besten menschlichen Teilnehmer.
Gleichzeitig wird AI zum Motor weiterer Entwicklungen – Robotik sei hier als ein prominentes Beispiel genannt. AI
Und jedem, der es wissen wollte, konnte die aktuelle Entwicklung der Technologie seit allerspätestens März 2016 antizipieren: Als AlphaGo, der ältere weise Onkel von AlphaFold, der Weltöffentlichkeit vorführte, dass KIs nicht nur tatsächlich kreativ sein können, sondern auch in hochkomplexen Wissensbereichen menschliche Experten besiegen können.
Das ist ein harter Sprung im maschinellen Schlussfolgern. Wer dies nicht sieht, möchte es nicht sehen oder nutzt die falschen Tools. Oder nutzt die richtigen Tools nicht richtig.
Und wer es nicht nutzt, wird in einem globalen Prisoners Dilemma den Kürzeren ziehen.
Ist das ein Vorwurf? Nein, es ist die Anerkennung einer komplexen Welt in der nicht jeder Experte für alles sein kann.
Fazit
Ja, die AI-Investment-Blase kann platzen. Gleicheitig wird die technologische Entwicklung weitergehen. Doch das Platzen der Investment-Blase wird viele denken lassen, dass die Technologie ebenfalls scheitert und dies wird den globalen Wettbewerbsabstand noch größer werden lassen und die notwendigen Ressourcen für Projekte wie AlphaFold gefährden.
Die AI-Investment-Blase muss aber nicht zwangsläufig platzen; bzw. sie könnte auch eine ganze andere Entwicklung nehmen, als ihre oben schon mehrfach zitierten Vorgänger.
Ob dies ein Rufen im Walde ist, werden wir hinterher sehen. Dennoch gibt es einen weiteren wesentlichen Unterschied, den die AI-Bubble vom Tulpenwahn trennt. Dieser Unterschied liegt in dem Umstand, dass die Zeiten andere sind.
Wir erleben einen globalen, vieldimensionalen und systemischen Wandel: Klimawandel, post-demokratische Ordnungen, die Wiederbelebung religiös-strukturierten Feudalismus, Nano-Technologie, Robotik, synthetische Biologie, … Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht immer.
Und selbst wenn die Blase platzen sollte, gibt die Technologie Anlass zur Hoffnung. Es lohnt sich das positive Zukunftsbild zu sehen und daran zu arbeiten.